Über Nocturnal Unrest

Kurzfassung:

Nocturnal Unrest (nOu) ist ein queer-feministisches Festival, das die Nacht als Raum der Träume, der Utopie, der Solidarität und der Fürsorge (zurück-)fordert. Diese spielen eine zentrale Rolle in der Organisation des tag-täglichen und nächtlichen Lebens sowie in Kunstwerken, Theorien und politischer Praxis für die sich verschränkenden Gruppen von BIPoC¹, Frauen und queeren Menschen. Zwar setzen wir vom nOu-Kollektiv uns mit Diskriminierungs-Formen, die wir selbst nicht erleben, auseinander. Unsere Perspektiven sind und bleiben als Kollektiv, das aus weißen, cis-Frauen, mehrheitlich hetero-sexuell, akademisiert und ohne Be_hinderunen besteht, eingeschränkt. Beim Festival arbeiten wir eng mit allen Eingeladenen sowie mit externen Verbündeten zusammen, die uns helfen über unsere Positionierungen hinaus zu denken und zu handeln. Der Festival-Blog funktioniert außerdem als kritische Archivierung: Es geht nicht darum etwas völlig Neues schaffen, sondern Wissen zu sammeln, das bisher von hegemonialen Archiven unbeachtet blieb.

Über das Festival: Nocturnal Feminism is Unrest

Logo Nochturnal Unrest

Nocturnal Unrest (nOu) ist ein queer-feministisches Festival, das die Nacht als Raum der Träume, der Utopie, der Solidarität und der Fürsorge (zurück-)fordert. nOu kämpft für Inklusion und Empowerment rund um die Themen von Nacht und Dunkelheit. Diese spielen eine zentrale Rolle in der Organisation des tagtäglichen und nächtlichen Lebens sowie in Kunstwerken, Theorien und politischer Praxis für die sich verschränkenden Gruppen von BIPoC¹, Frauen und queeren Menschen.

Das Festival taucht ein in feministische Archive und will damit einen Dialog zwischen aktuellen künstlerischen, wissenschaftlichen und aktivistischen Praktiken herstellen. Eine Vielzahl von Online-Workshops, (Audio-)Walks und Open Spaces, laden alle ein, online zu interagieren, ihre Erfahrungen zu teilen, mit ihren Körpern und Vorstellungen zu experimentieren und Raum in der analogen und digitalen Öffentlichkeit einzunehmen. Gleichzeitig bieten Performances/ Vorträge/ Gespräche und Q+A's Möglichkeiten zum Lernen, zum Austausch und zur neuen Wissensproduktion.

Als Kollektiv (nOu-Kollektiv), das sich queer-feministisch orientiert, gestalten wir ein Festival mit, das nach dem Potenzial der Nacht für feministische Solidarität und gesellschaftliche Utopie fragt. Unser Ziel dabei ist es, alternative Praktiken der Fürsorge sowie Gegen-Narrative zu Angst und Gewalt, die Frauen, queere Menschen und BIPoC nachts immer noch gefährden, zu etablieren. Wir widmen uns diesem Thema als Team, welches ausschließlich aus weißen, akademischen cis- Frauen besteht. Zwar setzen wir uns mit Diskriminierungs-Formen, die wir selbst nicht erleben, auseinander, unsere Perspektiven sind und bleiben aber eingeschränkt. Wir haben queere, be_hinderte Personen und BIPoC in der Kuration miteinbezogen und den Call for Papers des Festivals sowie unser Awareness-Konzept kritisch überprüfen lassen. Im Abschnitt „Über uns" wollen wir unsere Reflektions-Prozesse transparent machen. Der Widerspruch lässt sich jedoch nicht weg-reflektieren: Wir repräsentieren mit unserer Positionierung weiterhin weiße Positionen in der Kulturarbeit und bestehende Machtverhältnisse, die wir kollektiv kritisieren. Mit diesem Widerspruch entsteht das, nun digitale, Festival zur Nacht.

„Nacht“ bezieht sich sowohl auf die tatsächliche Zeit des Dunkelwerdens als auch auf dessen metaphorische Auslegungen. Beispielsweise assoziiert die westliche hegemoniale Episteme üblicherweise die „Nacht” mit Unwissenheit, mit dem Weiblichen, mit Schwarzsein und Queerness (für detailliertere Einblicke siehe unseren Call for Papers). Von feministischen Solidaritätsbewegungen wie „Reclaim the Night“ inspiriert, die sich seit 1977 von Leeds aus über ganz Europa verbreitet haben, gewinnt „Nocturnal Unrest“ während der Covid-19-Pandemie und dem gefährlichen Aufstieg rechter Politik und Ideologien noch mehr an Relevanz. Betroffen beobachten wir den aktuellen Rückfall in Bezug auf Geschlechtergerechtigkeit sowie die anhaltende Verschleierung geschlechtsspezifischer Gewalt, die sich mit Sexismus, Rassismus, Ableismus, Klassismus, Antisemitismus, Queerphobie, Transphobie, Lesbenfeindlichkeit, Homophobie und einer Welle eugenischer und sozialdarwinistischer Ideen überschneiden. Wir sind fest davon überzeugt, dass queer- feministische Kunst, Theorien und intersektionale Solidaritätsbewegungen vielfältige Ressourcen für solche globalen Krisen bieten. Es ist Zeit, dass sie in den Mittelpunkt rücken! Welche Wege des Zusammenlebens, frei von Angst, Abwertung und Exotisierung, kann es geben? Dies fragen wir uns, als Organisatorinnen, und euch bei Nocturnal Unrest!

Wer wir sind: Menschen, Ideen, Feministinnen

Screenshot von einer Videokonferenz mit allen Kollektiv-Mitgliedern. Jede hält einen Gegenstand hoch: viele Bücher, Origami-Vulva, Hammer, Lineal und Vibrator.

Screenshot von einer Videokonferenz mit allen Kollektiv-Mitgliedern. Jede hält einen Gegenstand hoch: viele Bücher, Origami-Vulva, Hammer, Lineal und Vibrator.

Wir - Lisa, Helene, Maggi, Teresa, Rahel, Caro, Nina, Vero, Sophi, Judith, Sonja - kennen uns von der Uni oder haben uns auf feministischen Workshops kennengelernt. Außerdem sind wir sehr froh über unsere Zusammenarbeit mit Lisa Gehring und Carmen Salinas, die die Produktionen von nOu freiberuflich leiten und unsere feministischen Visionen teilen.

Sowohl in unseren Plena als auch in unseren Studienrichtungen/ Lohnarbeitsverhältnissen, die Geistes-, Sozial-/ Politikwissenschaft, Philosophie und Theaterwissenschaften umfassen, diskutieren wir feministische Theorien und Praktiken (der Nacht). Feminismus bedeutet für uns, Wege zu finden um Widerstand zu denken und widerspenstig zu sein; denn im Widerstand liegen die Möglichkeiten von Utopie, Träumen und anderen Wünschen. Die Nacht ist ein widersprüchlicher Raum, dessen Unsichtbarkeit und Dunkelheit einschränken kann. Auch hiermit wird sich nOu beschäftigen. Wenn es Nocturnal Feminism bereits jetzt gäbe, würde er fragen: Wer bleibt im Dunkeln? Und warum? Wie kann eine:r die Nacht zurückerobern, erforschen, feiern, sich in ihr verschlingen und/oder sich ihr hingeben? Nocturnal Feminism stellt faszinierende Fragen, die uns in Bewegung bringen und möchte mit euch zusammen die Gefahren und Potenziale von Nacht und Dunkelheit erkunden: Nocturnal Feminism is Unrest.

Durch diese Fragen angetrieben, organisieren wir ein Festival, bei dem Theorie auf Aktivismus und Performancekunst trifft. Dies ist ein Prozess, in dem wir versuchen, unsere Bündnisse als weiße cis-Frauen mit etablierten Machtverhältnissen zu reflektieren und gegen sie anzugehen, da wir uns gegen diese kollektiv aussprechen. Als nOu-Kollektiv, das aus weißen cis-Frauen besteht, sind wir in besonderer Weise verpflichtet, uns unserer strukturellen Privilegien und unserer eingeschränkten Stand- und Sichtweisen bewusst zu werden (auch wenn nicht alle von uns in Deutschland geboren sind). Wenn ihr mehr über unsere Reflexion in der Konzipierung und Kuratierung von Nocturnal Unrest wissen wollt, hört euch gern die Folge des Mousonturm-Podcast Multifon an, in der wir zu Gast sein durften und/oder lest den Blog-Artikel "Taking Decisions in the Dark", in dem Caro aus dem nOu-Kollektiv unsere Kuration beschreibt und reflektiert.

Mit der Idee des Nocturnal Feminism wollen wir dazu beitragen, fürsorgliche und solidarische Strukturen aufzubauen, die auf gegenseitigem Verständnis und kollektivem Wissen basieren. Wenn wir von Wissen sprechen, beziehen wir uns auf sehr unterschiedlichen Formen von Wissen, die weit über uns Gelehrtes und Akademisches hinausgehen. Feminismen haben eine lange Tradition darin, kollektiv zu lernen sowie Emotionen und das Alltägliche als wertvolle Quellen von Macht und Wissen zu nutzen. In diesem Sinne sind wir stolz darauf, feministische Geschichten weiterzuschreiben, während wir gleichzeitig ihre Unzulänglichkeiten und die Einflüsse, die sie immer noch auf uns haben, kritisch reflektieren wollen - insbesondere in Bezug auf Ableismus, Rassismus, Antisemitismus, Queerphobie, Transphobie, Lesbenfeindlichkeit, Homophobie und Klassismus.

Wir fühlen uns immer und immer wieder zur Selbstreflexion verpflichtet. Sofern die Rahmenbedingungen es zulassen, bemühen wir uns auf queer folx, dis_abled people und BIPoC zuzugehen, um unsere Ideen und Konzepte kritisch bewerten zu lassen. Wir bitten proaktiv darum, dass diese sich an wichtigen Entscheidungen mit vollem Vetorecht beteiligen. Wir haben das Schreiben des Call for Papers, die Kuration und das Awarenesskonzept kritisch überprüfen lassen und übernehmen als nOu-Kollektiv die volle Verantwortung für diese Konzepte und ihre Auswirkungen. Außerdem nehmen wir an Workshops teil, die sich mit Anti-Rassismus, Anti-Klassismus und Anti-Ableismus befassen und von Betroffenen selbst durchgeführt werden. Wir investieren Zeit und Energie, um uns anhand von Ressourcen, die von queeren, be_hinderten und BIPoC-Aktivist:innen und Wissenschaftler:innen verfasst wurden, weiterzubilden. Wir werden Dinge übersehen. Wir werden manchmal nicht genug reflektieren oder werden Situationen und Verhältnissen, um die wir uns kümmern sollten, nicht erkennen. Bitte schildert uns eure Kritik und sagt uns Bescheid, wo nOu inklusiver, feministischer und ungehorsamer werden kann. Wir sind auf eure Anmerkungen angewiesen und möchten dazu lernen!

Was wir tun und wie wir arbeiten: Raum schaffen, Archive schaffen

Viele beschriebene Moderations-Karten, die an eine Wand gepinnt sind.

Bei nOu geht es nicht darum ein Festival der „großen Namen“ zu sein, vielmehr möchten wir Räume schaffen, in denen sich Menschen treffen und etwas Neues aufbauen können. Deshalb eröffnen wir neben dem regulären Festivalprogramm Online-Räume für Gespräche, Austausch, Tanzen und Zusammensein. Die Pandemie hat viele Dinge für viele, wie sich begegnen, kuscheln, tanzen und physisch zusammen sein, genommen. Wir wollen trotzdem weiterhin Wege finden uns sicher und empowered zu fühlen und ein Miteinander zu teilen, das wir uns nicht vom Patriarchat oder von Covid-19 nehmen lassen. Dabei wollen wir längst obsolete Grenzen von Formaten und von Tageszeiten überschreiten. Wir möchten mit euch erleben, was passiert, wenn Workshops, Performances und Vorträge sich die Nacht aneignen.

An diesem Festivalkonzept arbeiten wir eng mit allen Eingeladenen sowie mit externen Verbündeten, Lehrer:innen, Genoss:innen und Berater:innen zusammen. Gemeinsam wollen wir hybride Formate entwickeln, die den analogen und digitalen Raum clever miteinander verbinden. So schwierig diese Aufgabe auch sein mag, so sehr sind wir motiviert, in unserem Programm und in unseren Gedanken Begrenzungen zu durchbrechen. Ein hybrider Ansatz macht es darüber hinaus möglich, alles was wir auf dem Festival erarbeiten und erleben über die Zeit des Festivals hinaus mit Menschen zu teilen. Denn wir wollen mit Nocturnal Unrest feministische Netzwerke fördern, indem wir vor, während und nach dem Festival diverse Infrastrukturen bereitstellen, um miteinander in Kontakt zu treten.

Wir verstehen die Arbeit auf dem Festivalblog als kritische Archivierung: Es geht nicht darum etwas völlig Neues schaffen, sondern Wissen zu sammeln, das bisher von hegemonialen Archiven unbeachtet blieb. Kritisches Archivieren ist für uns eine Praxis, die einerseits daran interessiert ist, das ans Licht zu bringen, was im Dunkeln gelassen wurde. Andererseits geht es aber auch darum festzuhalten, was durch die meist flüchtigen Begegnungen in Workshops, Performances und Spaziergänge entstanden ist. nOu soll deswegen ein Bindeglied zwischen Vergangenheit, Gegenwart und potenzieller Zukunft sein.

Wir versuchen dies auf eine Art und Weise zu tun, in der wir uns als Archivar:innen unserer Macht bewusst sind und wir besonders darauf achten, vielschichtige Perspektiven einzubeziehen. Deshalb ist es uns wichtig, einen physisch, finanziell und sprachlich möglichst barrierefreien Zugang zu Nocturnal Unrest zu schaffen. Das bedeutet, möglichst viele der Live-Ereignisse des Festivals sowie Hintergrundmaterial für alle zugänglich zu machen, z.B. durch Untertitel, Audio-Deskriptionen, Übersetzungen in die Gebärdensprache usw. Die Arbeit für das Festival leisten wir als Team gegen eine geringe finanzielle Aufwandsentschädigung, da wir uns strukturell gesehen in einer privilegierten wirtschaftlichen Situation befinden. Wann immer wir auf die Arbeit anderer Menschen angewiesen sind, bezahlen wir sie so angemessen wie möglich im Rahmen der öffentlichen Fördermittel, die uns zur Verfügung stehen. Dabei versuchen wir auf die individuellen wirtschaftlichen Bedürfnisse und kollektive solidarische Umverteilung einzugehen (zu den ökonomischen Bedingungen von nOu wird es im Sommer einen Blogartikel geben). Wir kommunizieren transparent, was wir bezahlen können und was wir nicht leisten können, bevor jemand beginnt, mit/für uns zu arbeiten.

Wir sind uns bewusst, dass wir unseren Ansprüchen nicht immer gerecht werden, sei es, weil wir an bestimmte Bedürfnisse und Strukturen nicht gedacht haben, weil manche Dinge den Rahmen unserer Kapazitäten übersteigen oder wir an materielle und finanzielle Grenzen stoßen. Bitte fühlt euch ermutigt mit uns in Kontakt zu treten und uns mitzuteilen, wenn was fehlt oder wie wir auf eure Bedürfnisse eingehen können. Dies könnt ihr via Mail [email protected] machen oder über unser Kontakt-Formular. Klicke hier auf diese Links für weitere Einblicke in unser Awareness-Kontezpt oder unser Barrierefreiheits-Konzept.


¹ Abkürzung für die Selbstbezeichnung Black People, Indigenous People und People of Colour. Die Schwarze Journalistin Alice Hasters schreibt dazu in ihrem Buch „Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen aber wissen sollten“: „BIPoC beschreibt Schwarze und indigene Menschen und deren bestimmte Diskriminierungserfahrungen mit besonderem Fokus darauf, dass Schwarze und indigene Menschen, im Gegensatz zu vielen People of Colour, nie als weiß gelten oder angesehen werden.“ (S. 212). Das Buch von Alice Hasters gibt es unter diesem Link als kostenloses Hörbuch bei Spotify. Das Missy Magazin stellt unter diesem Link einen Erklärtext zum Begriff „People of Colour“ bereit.